Alice ou les petites évasions
, 2009
Guerrier Claire
32 min, Farbe, Stereo, Kategorie: Film
Produktion: Unsafe Company

Alice taumelt, fast schon klischeehaft ist sie gefangen zwischen dem Zustand des absoluten Loslassens und selbstauferlegten Zwängen. Genussvoll lässt sie sich immer weiter fallen, bevor ein Sprung ins kalte Nass sie zurück holt in die Realität und sie aus ihrer Empfindung zwischen Freude und Schmerz erlöst. In dieser Schlüsselszene aus Alice ou les petites Evasions entlädt sich die ganze Anspannung der Protagonistin zu gleichsam solistisch ausgelassenen Violin-Kaskaden.
Der gut 30minütige Film von Claire Guerrier erzählt die Geschichte einer jungen Frau in einer kleinen Stadt. Scheinbar führt sie ein Leben wie so viele andere. Alice lebt in Basel, wohnt in einer bescheidenen Wohnung, arbeitet in einer Bar, liest gerne ungeliebte Autoren und schenkt sich den schönen Blick vom Münster auf den Rhein. Und Alice sehnt sich. Sie ist auf der Suche nach dem verlorenen Urzustand und muss erkennen, dass all ihre Mühe und Anstrengung vergebens sind. Sie fühlt sich gefangen in einer Welt, die erfüllt ist von Widerständen und Zwängen.
«Einzig die Lust wirkt dabei als Befreiung aus dieser Situation», führt die seit 2002 in Basel wohnhafte Filmemacherin Claire Guerrier aus. «Denn im Höhenpunkt der Lust - also der Ekstase – befindet sich der Mensch für einen kurzen Moment im Urzustand. Hier wie dort befindet er sich im Sein, befreit von Angst, Schmerz und Verlangen.»
Diesem Zustand horcht die Autorin in ihrem Film in unterschiedlichen Facetten nach. Lust als die schöpferische Kraft in unserem Leben, Lust als Gegenentwurf zu einer um sich greifenden Puritanismus-Schraube im 21. Jahrhundert. Herausgekommen ist ein kleines Sinnenfest in mehreren Episoden, gleichsam einem Gedicht von Arthur Rimbaud, das die Autorin inspirierte und ihr Pate stand. Da wird das Bad in einer Dose Tomaten zum hedonistischen Vergnügen für Alice, das Lesen eines Buches kommt einem haptischen Hochgenuss gleich.

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